Die Geschichte der MS Oesterreich
Von 1928 bis heute
Im August 1927 bestellen die Österreichischen Bundesbahnen (BBÖ) für den Bodensee-Schiffsbetrieb Bregenz ein Dieselmotor-getriebenes großes Doppelschrauben-Passagierschiff bei der Korneuburger Werft der DDSG (1. Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft).
Am 20. Februar 1928 begann im damaligen Trockendock von Bregenz die Kiellegung und der Zusammenbau der vorgefertigten Einzelteile und am 24. Juni 1928 konnten die ersten Probefahrten stattfinden. Bereits am 11. Juli 1928 fand eine „Informationsfahrt“ für Vertreter von Behörden und Ämtern nach Konstanz statt. Am 26. Juli 1928 wurde eine Fahrt für die Vertreter der Presse nach Meersburg durchgeführt, und am Sonntag, den 29. Juli 1928 wird das Schiff in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste von der Gattin des amtierenden Vorarlberger Landeshauptmannes, Maria Ender, auf den Namen OESTERREICH getauft. Die pompöse, aber hochmoderne Innenausstattung im Art déco waren eine zugkräftige Werbung für den Vorarlberger Fremdenverkehr.
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1938 in Österreich und dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich fallen die Österreichischen Bundesbahnen unter die Verwaltung der Deutschen Reichsbahn. Die österreichische Bodensee-Schifffahrt wird ab 1940 dem Maschinenamt Lindau und der Reichsbahn-Direktion Augsburg zugeordnet. Die OESTERREICH behält erstaunlicherweise ihren Namen, obwohl dieser Begriff per Verordnung vom 14. Oktober 1938 allgemein getilgt und durch den Begriff „Ostmark“ ersetzt worden war.
Mit Beginn des 2. Weltkrieges 1939 wird der Dieselkraftstoff rationiert und die großen Dieselschiffe zunächst stillgelegt.
Ab Jänner 1944 wird die OESTERREICH von der deutschen Kriegsmarine beschlagnahmt und nach Immenstaad verlegt. Die Zeppelinwerke in Friedrichshafen produzierten Torpedos, und diese mussten „eingeschossen“, d.h. ohne Munition auf Zielgenauigkeit kalibriert werden. Zu diesem Zweck wurde die OESTERREICH beträchtlich umgebaut.
Vor den aus Westen sich nähernden französischen Truppen wurde die OESTERREICH aus Immenstaad evakuiert und am 20. April 1945 nach Lindau verlegt. Doch gemäß dem sogenannten „Nero-Befehl“ sollten sämtliche Lindauer und Bregenzer Schiffe vor dem herannahenden Feind zerstört bzw. versenkt werden. Diesem Befehl widersetzte sich aber der für die bayrische Bodensee-Schifffahrt zuständige Dezernent bei der Reichsbahn-Direktion Augsburg und verhandelte insgeheim mit den Schweizer Behörden. Schließlich kam man überein, dass sämtliche Schiffe in der Nacht vom 25. zum 26. April 1945 (verdunkelt) über den See in die Schweiz fuhren oder geschleppt wurden und sich selbst in den dortigen Häfen internierten. Die OESTERREICH blieb bis zum 17. Mai 1945 im sanktgallischen Hafen Staad und wurde dann der Französischen Besatzungsmacht in Lindau übergeben. Doch die Franzosen verwendeten die OESTERREICH weiter für Torpedoübungen.
Am 18. Juni 1948 wird die OESTERREICH vom österreichischen Motorschiff AUSTRIA (ex OSTMARK) nach Bregenz zurückgeholt. Die OESTERREICH war aber mittlerweile ein Wrack; man wusste nicht so recht, was damit anfangen.
Am 31. Juli 1951 wird sie zur Lindauer Werft geschleppt. Mit einem kräftigen Hammerschlag beginnt der Bregenzer Bürgermeister Dr. Karl Tizian den Wiederaufbau des Schiffes.
Ende Juni 1953 sind die Arbeiten im Wesentlichen abgeschlossen: Das Schiff hat nun das Aussehen eines modernen, schmucken und zeitgemäßen Fahrgastschiffes, aber vom ursprünglichen Glanz des Art déco ist nichts mehr übrig. Am 25. Juli 1953 läuft die „neue“ ÖSTERREICH (nun mit dem „Ö“ im Namen) zu ihrer zweiten „Jungfernfahrt“ aus. Prominentester Gast ist der bei den Bregenzer Festspielen weilende Bundespräsident, Dr. Theodor Körner. Zu diesem Anlass wird der Vorschiff-Salon mit einer großen Intarsien-Arbeit ausgestattet, welche Szenen aus den ersten Bregenzer Festspielen zeigt.
Im Dezember 2005 verkaufen die ÖBB ihre Bodensee-Schifffahrt an eine neu gegründete Firma „Vorarlberg Lines“ und damit auch ihr ältestes Schiff ÖSTERREICH.
Am 4. Oktober 2009 läuft die nun 81jährige ÖSTERREICH zu ihrer letzten Kursfahrt unter der Flagge der Vorarlberg Lines aus. Danach wird das Schiff reparaturfällig abgestellt. Eine Generalüberholung stellt sich als zu teuer heraus.
Am 5. Dezember 2014 schließlich wird der Förderverein „Freundeskreis MS Österreich“ von Jürgen Zimmermann (Obmann), Christian Kaizler (Obmann) Matthias Lässer (Kassier) und Wolfgang Beck (Schriftführer) gegründet.
Am 23. März 2015 kauft der Förderverein die ÖSTERREICH zum symbolischen Preis von einem Euro. Am 11. Juli 2015 veranstaltet man in Fussach einen „Tag des offenen Schiffes“, wo man auch überflüssiges Inventar verkauft und Spenden sammelt. Ab nun wird die Idee diskutiert, das Schiff wieder in seinen Ursprungszustand von 1928 zurück zu versetzen. Am 2. Oktober 2015 wird die ÖSTERREICH nach Hard überführt.
Am 13. Juni 2016 wird vom Förderverein, mehreren an der Restaurierung der Österreich interessierten Privatpersonen sowie einer Stiftung die „Museumsschiff OESTERREICH GmbH“ gegründet. Mit ihr wird die Finanzierung der Renovierung abgesichert.
Am 6. März 2019 schließlich läuft die OESTERREICH (wieder mit dem ursprünglichen „OE" im Namen) zur ersten Probefahrt aus. Alle Systeme funktionieren auf Anhieb recht gut. Es folgen diverse Abnahmefahrten. Am 24. März 2019 geht die OESTERREICH auf ihre erste große Reise nach Bodman ans andere Ende des Bodensees – um die dort von Wilhelm Wagner gefertigten Rettungsboote abzuholen. Dies wird eine Triumpffahrt! Am 4. April 2019 verlässt die OESTERREICH endgültig ihren Liegeplatz auf der Werft in Fussach und wird nach Hard überstellt.
Mit einer großen Jubelfeier bei „Kaiserwetter“ erfolgt am 18 April 2019 (Gründonnerstag) in Hard die Segnung der OESTERREICH durch den Feldkircher Bischof Benno Elbs statt. Am 26. November 2019 gewinnt die OESTERREICH den Innovationspreis des Verbandes der Tourismuswirtschaft Bodensee.
1928
Symbol einer neuen Ära
Aufbruch in ein neues Zeitalter war angesagt, als sie 1928 in Dienst gestellt wurde. Es war ein Moment des großen Aufatmens. Nach dem ersten Weltkrieg sehnten sich die Menschen nach Luft, Leben und Schönheit. Der Achtstundentag und tarifliche Urlaubsregelungen wurden eingeführt. Die Freizeit wurde demokratisiert. Die luxuriöse Erscheinung der Oesterreich, begeisterte das erlebnishungrige Publikum von Anfang an.
1952
Neustart mit Ö
Im Sommer 1945 nahm die Generaldirektion der österreichischen Staatseisenbahnen den Betrieb auf, zu welchem nun auch wieder die österreichischen Schiffe gehörten. Die Oesterreich war nach den Kriegsjahren fast völlig demoliert. Am 25. Juli 1953 startete das gerade 25 Jahre alte Schiff frisch renoviert und aufgebaut zur zweiten Jungfernfahrt. Das Schiff wurde völlig verändert und auch am Bug hieß es von nun an „Österreich“ mit „Ö“.
2009
Die vermeintlich letzte Stunde
Ab Herbst 2009 lag die Oesterreich außer Dienst in der Werft in Fußach. Bei einer großen Inspektion zeigte sich ein niederschmetterndes Bild. Die gesamte Elektroinstallation hätte erneuert werden müssen, die Rumpfbleche waren an vielen Stellen zu dünn, die Motoren entsprachen nicht mehr den gültigen Abgasnormen, der Brandschutz war nicht gewährleistet. So entschlossen sich die damaligen Eigentümer das Schiff auszumustern und zu verschrotten. Doch dagegen formierte sich Widerstand.
2012
Verschrottung verhindern
Das erste große Motorschiff auf dem Bodensee sollte erhalten werden – darin war sich eine wachsende Gruppe von Schiffsfreunden einig. Zunächst wollte man für finanzielle Unterstützung sorgen, damit der Eigentümer das historische Schiff erhält und renoviert. Diese Versuche waren jedoch nur von geringem Erfolg gekrönt.
2014
Freundeskreis MS OESTERREICH
Ideen, die Österreich zu renovieren, hatte es mehrere gegeben. Die einen wollten ein luxuriöses Hotelschiff daraus machen, auch der Plan eines Kreuzfahrtschiffes stand im Raum. Das Projekt wurde von rund 25 Personen unterstützt. 2014 gründete die private Initiative rund um Jürgen Zimmermann einen Verein – den „Freundeskreis MS OESTERREICH.“
2015
Der symbolische Preis
Anfang 2015 wurde an den Verein ein Ultimatum gestellt: Wenn das Schiff nicht bis 31. März 2015 einen neuen Eigentümer hat, wird es umgehend verschrottet. Der Verein handelte und erwarb das Schiff um den symbolischen Betrag von einem Euro.
2019
Das dritte Leben
In einem unglaublichen Kraftakt und unter Beteiligung von unzähligen Mitstreitern, Privatpersonen und Unternehmen wurde die Oesterreich innerhalb von drei Jahren wieder in ihren ursprünglichen Zustand von 1928 zurückgebaut, umfassend renoviert und erneuert. So wurde sie nun auch wintersicher mit allen Annehmlichkeiten der Neuzeit konstruiert und ausgestattet. Am 18. April 2019 wurde zur dritten Jungfernfahrt geladen. Die Oesterreich, das erste große Schiff mit Dieselantrieb auf dem Schwäbischen Meer, glänzt wieder wie damals im Art déco-Stil und begeistert das Publikum.
2019
2 Epochen – 2 Schiffe
Am 20. April 2019 gingen die beiden historischen Schiffe Oesterreich und Hohentwiel erstmals auf eine gemeinsame „Zeitreise“. Beide Schiffe sind zusammen fast 200 Jahre alt, wunderschön restauriert und auf Hochglanz poliert. Beide Schiffe treffen sich bei dieser einmaligen Fahrt auf dem See und fahren gemeinsam zum Umstiegshafen. Hier wechseln die Gäste das Schiff. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich diese Fahrt mit beiden Schiffen zu einem Publikumsmagneten.
2021
Neue Betreibergesellschaft Historische Schifffahrt Bodensee GmbH
Am 1. Juni 2021 wurden mit notarieller Bestätigung an Bord der Oesterreich die Verträge zur Neukonzeption der künftigen Betreibergesellschaft für die beiden historischen Schiffe Hohentwiel und Oesterreich – zusammengefasst als Historische Schifffahrt Bodensee GmbH – unterfertigt und damit eine neue Ära für die beiden historischen Schiffe gestartet.
